Seit zwölf Jahren sind internationale Truppen in der Republik Kosovo stationiert, arbeiten Hilfsorganisationen und Missionen im Dienst der Vereinten Nationen oder der Europäischen Union. Und doch geht es nur langsam voran. Das, was dem Land am meisten fehlt, ist ein Masterplan. Einer, der nicht von außen kommt, sondern aus Kosovo selbst.
In der Hauptstadt des kleinen Landes pulsiert das Leben. Massenhaft rollen die Autos, meist deutsche Fabrikate, durch die holprigen Straßen. Menschen in westlicher Kleidung bevölkern die Straßen. Die meisten von ihnen sind auffallend jung: Über die Hälfte der Bewohner Kosovos sind unter 25 Jahre alt. Ein marodes Bildungssystem, Arbeitslosenquoten, die laut Regierung landesweit zwischen 40 bis 50 Prozent, mancherorts jedoch eher bei 70 Prozent liegen, bieten ihnen kaum eine Zukunft.
Viele Schulgebäude wurden im Krieg zerstört, in manchen Schulen wird in zwei oder drei Schichten unterrichtet. Neubauten mildern die Raumnot, doch ist das Bildungssystem absolut unterfinanziert. Das Niveau des kosovarischen Abiturs entspricht nicht europäischem Niveau, an den Hochschulen gibt es kaum notwendige Studiengänge wie Ingenieurwissenschaften oder Medizin.
Das Monatseinkommen eines Kosovaren liegt bei 200 bis 400 Euro. Eine Familie lässt sich davon nicht durchbringen, die Mieten für eine Zweizimmer-Wohnung in Prizren, der zweitgrößten Stadt des Landes, liegen bei rund 250 Euro. Ein erheblicher Teil des Einkommens kommt aus dem Ausland. Kosovaren, die hauptsächlich in Deutschland und der Schweiz leben, schicken Geld, das den Familien zu Hause das Überleben sichert. Laut Finanzministerium kommt mehr Geld aus dem Ausland, als im Land selbst erwirtschaftet wird.
Problematische starke kriminelle Strukturen
Im Norden Kosovos gibt es immer wieder Unruhen. Hier leben die meisten Serben, viele erkennen den Staat nicht an. Serbische Flaggen hängen an den Straßenlaternen und in den Vorgärten. Autos haben serbische Nummernschilder. Finanziell unterstützt werden viele Aktionen gegen Kosovo direkt aus Serbien. Teilweise beziehen Polizisten der multiethnischen "Kosovo Police" auch Gehälter aus dem Nachbarstaat.
Die kosovarische Rechtsprechung wird nicht anerkannt, kommt es zu Verfahren, sind oft internationale Richter im Einsatz. Mit Straßenblockaden reagieren serbische Anwohner auf die Verhaftung von Kriminellen, selbst wenn die von der europäischen Rechtsmission "EULEX" durchgeführt werden. Der weitgehend rechtsfreie Raum, mangelnde Kontrollen an der Grenze zu Serbien und die geringe Autorität des kosovarischen Staates führt zu starken kriminellen Strukturen. Der deutsche General Bühler, derzeit Kommandeur der KFOR-Truppen, hat den Norden des Landes inzwischen mehr in den Fokus des KFOR-Einsatzes gerückt. Zur gleichen Zeit werden serbisch-orthodoxe Klöster im Land von KFOR-Soldaten oder der Polizei bewacht, da Ausschreitungen gegen serbische Minderheiten nicht auszuschließen sind.Das Land verfügt über Bodenschätze und fruchtbare Böden. Es fehlt eine gewinnbringende weiterverarbeitende Industrie. Niedrige Lohnkosten und die geografische Lage bei einer sich verbessernden Infrastruktur machen das Land für Investoren interessant, besonders für stark auf Handarbeit angewiesene Produktion. Eine komplizierte Bürokratie bremst jedoch die industrielle Entwicklung, eine desolate Stromversorgung verschärft die Lage. Mit dem Bau einer Autobahn sollen der Anschluss an Europa und ein schneller Warentransport zur Adriaküste möglich werden.
Um aber den Export im großen Stil überhaupt zu ermöglichen, ringt die Regierung Kosovos um diplomatische Anerkennung. Allein in der EU haben fünf Länder genau das noch nicht getan. Spanien, Griechenland, Zypern, Rumänien und die Slowakei unterhalten keine offiziellen diplomatischen Beziehungen zu Kosovo. Mit dieser Politik erschweren sie Exporte in die EU.
Große Hoffnungen an EU-Beitritt geknüpft
Große Hoffnung setzt die kosovarische Regierung in einen Beitritt zur EU. Das könne die Probleme des Landes lösen, gibt Außenminister Enver Hoxhaj zu verstehen. Doch wie eventuelle Aufnahmekriterien erreicht werden sollen, es wird bislang ja nicht einmal verhandelt, erklärt er nicht. Wichtig könnte zunächst eine Aussöhnung mit Serbien sein. Zaghafte Annäherungsversuche der ehemaligen Feinde, die auch in die EU wollen und deshalb die Probleme mit Kosovo aus der Welt schaffen müssen, stoßen auf wenig Resonanz.
Die Republik Kosovo scheint sich zu verstecken. Hinter KFOR, den Europäischen Missionen im Land, den UN-Initiativen. Solange das Land um diplomatische Anerkennung ringt, ist die Entwicklung schwer. Doch die Probleme im Land werden zu wenig von kosovarischer Seite angegangen. Und die vielen kleinen Initiativen Einzelner gehen unter oder versinken in Bürokratie und Zuständigkeiten. Es gibt positive Signale und Leuchtturmprojekte. Die Polizei arbeitet gut und immer selbstbewusster. Eine Autobahn wird gebaut. Kosovo ist auf dem Weg. Doch es ist noch ein langer Weg, der kürzer werden könnte, wenn die Politik die Straßenkarte nutzen würde. Den Masterplan.
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