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06.04.2007
Eine drückend lange Zeit und doch zu kurz
Sieben Wochen leben mit Hartz IV: Selbstversuch endet mit Gewichtsverlusten und Erkenntnisgewinnen
VON JüRGEN LANGENKäMPER

Minden (mt). Es ist vorbei, endlich vorbei. Die letzten Tage haben doch mehr gezehrt als viele vorher. Ich bin erleichtert, seelisch und körperlich. Fünfeinhalb Kilogramm Körpergewicht zu verlieren - ich weiß nicht, ob ich das schon mal erlebt habe.

Zwischendurch habe ich mir ernsthaft die Frage gestellt, ob das gesund sein kann, was ich da treibe, als Woche für Woche ein Kilo verschwand. Deshalb bat ich eine befreundete Ernährungsberaterin um Hilfe und schrieb es haarklein auf, wovon ich im ersten Monat gelebt hatte: Hirse, Obst und Gemüse vor allem.

"Im Schnitt passt das", teilte mir Heike Dethardt, Diätassistentin am Klinikum, nach der Analyse der Mineralstoffe mit. Zu wenig Energie - das erklärte den Gewichtsverlust, war aber angesichts meines Übergewichts nicht so tragisch. "Beim Eiweiß ist es schon knapp an der Grenze", gab sie zum Bedenken, und bei der Kalziumversorgung werde es ganz eng, weil ich keinen Schnittkäse mehr gegessen hatte. In der Rechnung gerettet hat mich - nachdem ich anfangs nur Leitungswasser getrunken hatte - der zeitweise Genuss von täglich einer Flasche eines billigen Mineralwassers, das, ohne es zu ahnen, zum Glück viel Kalzium enthielt.

"Auf lange Sicht" müsse ich aber aufpassen, sagte die Fachfrau. Langfristig könne sie mein einseitiges Diätprogramm nicht empfehlen. Zudem äußerte sie Zweifel, ob ich mich selbst auf lange Sicht weiterhin so ernähren und bewusst verzichten könne.

Denn die alltägliche Erfahrung der Ernährungsberaterin zeigt eher, dass arme Menschen mit Übergewicht aufgrund einer Fehlernährung ins Krankenhaus kommen. Viele griffen zu sättigenden, fetthaltigen Fertiggerichten. "Adipositas, Fettleibigkeit, ist eher ein Unterschichtenphänomen", sagt sie. Nach den sozialmedizinischen Studien und Erhebungen beginnt dieses Problem schon im Kindesalter, wo die Chipstüte oder Süßigkeiten eine vollwertige Mahlzeit verdrängen.

Frische Lebensmittel dagegen sind teuer. Ein Kilo Obst oder Gemüse kostet, je nach Jahreszeit, mehr als billiges Mett.

Überraschend traf ich eine entfernte Bekannte, die mir verriet, dass sie ganz für sich allein auch sieben Wochen auf Hartz-IV-Niveau von 345 Euro zu leben versuche. "Aber ich habe zugenommen", schämte sie sich fast ein bisschen. Überall, wo es etwas umsonst gebe, esse sie - quasi auf Vorrat. Die Angst, sich plötzlich etwas nicht mehr leisten zu können, setzte ihr zu.

Meine Selbstdisziplin, wie vielleicht auch viele Arbeitslose sie in den ersten Tagen, Wochen und Monaten tapfer zeigen, um sich nicht unterkriegen zu lassen, hat mich im letzten Drittel schon etwas verlassen - und nicht nur mich. "Die ersten vier Wochen ging es noch", sagte Isabel Martin, Pressesprecherin der Diakonie Hannover, deren Fastenaufruf ich mich ab Aschermittwoch angeschlossen hatte. Die letzten Wochen dagegen seien ihr erheblich schwerer gefallen, und so sei es auch allen gegangen, die in wöchentlichen Treffen zum Erfahrungsaustausch zusammenkamen. Tröstlich für mich, dass nicht nur mein innerer Schweinehund immer stärker wurde.

Dass ich plötzlich nur noch ganz wenig Geld in der Tasche hatte, 74 Cent, hat mich in den vergangenen Tagen belastet. Ich konnte mir noch so oft sagen, dass ich mit kluger Einteilung meiner Vorräte schon hinkomme, trotzdem habe ich mich beklommen gefühlt.

Am vorletzten Tag habe ich mir eingebildet, ich müsse auch mal einen Tag ohne Essen auskommen. Als ich am Abend nach Haus kam, habe ich es nicht mehr ausgehalten, meine Reste zusammengekratzt und viel zu spät noch eine Dose Fisch geöffnet. Eine Sünde, die nicht ins Programm passt, muss ich zudem noch beichten: Ich habe eine Tüte Salzgebäck meiner Kinder "gestohlen" - Mundraub!

Schon zwischendurch ist mir an mehreren Stellen bewusst geworden, wie sehr mein tatsächliches Leben von der Alltagsrealität eines ALG-II-Empfängers entfernt ist. Hätte die ganze Familie nur allein diese sechseinhalb Wochen versuchen müssen, von dem Betrag zu leben, so wäre das Experiment schon in den ersten Tagen gescheitert.

Meine Tochter, die studiert, bekäme zwar Bafög in voller Höhe, aber die Ankündigung in den ersten Tagen nach dem Start, sie müsse jetzt 500 Euro Studiengebühr pro Semester zahlen - mehr als 80 Euro pro Monat -, hätte sowohl mich allein als auch den Rest der Familie hoffnungslos überfordert. Wovon soll eine Hartz-IV-Familie eine derartige Summe absparen?

Für meine mittlere Tochter hätte meine Frau nicht die Reisekosten für einen Schüleraustausch überweisen können. Den französischen Gastschüler hätten wir auch nicht beherbergen können. Von kleineren Dingen in der Schule will ich nicht reden.

Die sieben Wochen sind um. Die Zeit hat sich in die Länge gestreckt, und doch war die Zeit viel zu kurz, um auch noch weitere Aspekte zu beleuchten. Vorerst steht nur eines fest: Am Samstag muss ich zum Friseur.

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Dokument erstellt am 06.04.2007 um 11:55:20 Uhr

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