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17.09.2007
"Es war mein Traum, ein Buch zu schreiben"
Viktoria Bolle verfasst als 13-Jährige Liebesgeschichte auf Russisch und macht daraus Roman in deutscher Sprache
VON JÜRGEN LANGENKÄMPER

Minden (mt). "Das Schwierigste ist es gewesen, die Sprache zu lernen", erzählt Viktoria Bolle, wie sie 1996 als Zwölfjährige aus Kasachstan nach Deutschland kam. Kaum zu glauben, denn die 23-Jährige hat gerade einen Roman geschrieben und als Buch herausgebracht - auf Deutsch.

In Kustanaj, einer Stadt im Norden Kasachstans, wurde Viktoria Bolle 1984 geboren, der Vater Russlanddeutscher, die Mutter Russin. "Wir wollten sehr gerne nach Deutschland", erzählt sie von ihren Kindheitsträumen und den Wünschen ihres älteren Bruders. "Der Großvater hat uns sehr viele Geschichten über Deutschland erzählt." Und als er hierher gekommen war, schrieb er Briefe.

Die Eltern blieben skeptisch, aber zwei Jahre nach der Antragstellung 1994 erhielt die Familie die Genehmigung, zu den Großeltern nach Minden zu ziehen. Da konnte Viktoria außer Russisch nur ein wenig Französisch. Einige Buchstaben in dem für sie anfangs fremden lateinischen Alphabet schreibe sie auch heute noch wie im Französischen.

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Blickpunkt: Junge Migranten

Zur Hauptschule Todtenhausen wurde das junge Mädchen geschickt und berichtet stolz und mit Dank von ihrer Schulzeit, auch wenn es am Anfang skurrile Szenen gab. "Im Förderunterricht saß mir der Lehrer gegenüber und zeigte immer auf seine Augen", schmunzelt sie. "Ich dachte, was will der von mir?" Er wollte ihr den Begriff "Auge" beibringen.

Ausgangsstoff noch zwei Mal überarbeitet

"Die erste Zeit war sehr schwierig, weil in Deutschland im Unterricht die mündliche Beteiligung sehr wichtig ist", sagt Viktoria. So stand sie am Ende ihres ersten Schuljahres in allen Fächern, in denen es auf Reden ankommt, auf fünf. Doch von Jahr zu Jahr besserte sie sich. "Zum Abschluss hatte ich eine Durchschnittsnote von 1,7." Dank ihrer weiteren Leistungen konnte die Ausbildung zur Bürokauffrau sogar verkürzt werden.

Info
Hintergrund Kasachstan Republik Kasachstan (Ost-Europa / Zentral-Asien) Hauptstadt (seit 1997): Astana (früher Akmolinsk/Zelinograd) Fläche: 2 717 300 km2 Einwohner: 14 994 000 ­ 53,4% Kasachen, 30,0% Russen, 3,7% Ukrainer, 2,5% Usbeken, 2,4% Deutsche, 1,7% Tartaren, 1,4% Uiguren, 4,9% sonstige, insgesamt mehr als 50 Nationalitäten Dichte: 5,5 je km2 Religion: 65% Muslime (v.a. Sunniten), 35% Christen (v.a. Russisch-Orthodoxe) Sprache: Kasachisch (56,0%), Russisch (83,1%), Sprachen der Minderheiten Städte: Almaty (Alma-Ata) 1 129 400 Einwohner, Karaganda 436 900, Schymkent 360 100, Taras 330 100, Astana 313 000, Öskemen 311 000, Pawlodar 300 500, Semei 269 600, Aqtöbe 253 100, Qostanai 221 400, Petropawl 203 599 Regierung: Staatsoberhaupt Nursultan Nasarbajew (seit 1990, wiedergewählt 2005), Regierungschef Danijal Achmetow (seit 13. Juni 2006) Bruttonationaleinkommen: 2250 $ pro Kopf (Deutschland: 36 975 $) BIP: 40,7 Milliarden $ (Deutschland: 2740 Mrd. $), Landwirtschaft 8%, Industrie 40%, Dienstleistungen 52% Erwerbstätigkeit: Landwirtschaft 35,3%, Industrie 17,0%, Dienstleistungen 47,8% Arbeitslosigkeit: 8,1% (Angaben: Fischer Weltalmanach 2007 und de.wikipedia.org)

Als sie 13 war, fiel ihr ein ins Russische übersetzter Roman der amerikanischen Bestsellerautorin Judith McNaught in die Hände. "Das kann ich auch", sagte sich der Teenager und schrieb zehn Kapitel à sechs Seiten herunter. Wenn die Eltern mal nachfragten, was sie denn da so mache, verriet sie nichts. "Das Manuskript habe ich leider nicht mehr, weil ich es verliehen und nicht zurückbekommen habe."

Während der Ausbildung überarbeitete Viktoria Bolle ihre Romanidee des jungen Mädchens, das sich verliebt, dessen Mutter aber schwerkrank ist, noch zwei Mal, zuletzt auf Deutsch. Dabei ist der Roman auf stolze 302 Manuskriptseiten angewachsen - 240 Seiten in der Druckfassung.

Die Handlung beginnt in England, obwohl Viktoria Bolle noch nie dort war. Sicher liegt es an der englischen Sprache, mit der sie auf für viele junge Russlanddeutsche eigentümliche, besonders komplizierte Weise in Kontakt gekommen ist. "Ich hatte eine Fremdsprache durch eine Fremdsprache zu erlernen", sagt sie rückblickend. Von der englischen Kultur abgeschreckt hat sie dies nicht. Im Gegenteil: "In der Schule habe ich so viele schöne Dinge über London gelernt." Aber in der Geschichte geht ihre junge Heldin nach Russland, nach St. Petersburg.

Freund als Einziger beim Schreiben eingeweiht

"Mein Freund war der Einzige, der eingeweiht war", offenbart die junge Schriftstellerin. "Es war mein Traum, ein Buch zu schreiben." Dabei habe sie aber zunächst gar nicht daran gedacht, es zu veröffentlichen. Doch im Januar fing sie an, Verlage anzuschreiben und wurde schnell fündig.

Eine Migrantengeschichte über den Weg von Kasachstan nach Deutschland, wie sie sie aufgrund ihrer persönlichen Erfahrung als junges Mädchen womöglich auch hätte schreiben können, wollte Viktoria Bolle nicht zum Thema machen - "vielleicht irgendwann einmal". Das Schreiben liegt ihr auf jeden Fall im Blut. "Ich bin ein Mensch, der nicht so viel spricht, ich schreibe lieber etwas." Und für eine Fortsetzung hat sie schon jetzt fünf Kapitel fertig.

Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 17.09.2007 um 14:20:07 Uhr

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