Doch zu glauben, der 2001 in den Ruhestand verabschiedete Domorganist fröne jetzt nur noch den schönen Dingen des Lebens, ist ein Irrtum. Leenen leitet weiterhin die "Schola gregoriana", spielt immer noch Orgelkonzerte, gibt Unterricht in Harmonielehre und am Klavier und hält Vorträge zu verschiedenen musikalischen Themen. "Mein Tag ist viel zu kurz" sagt der nicht nur in musikalischen Fragen streitbare Leenen.
Mit vornehmer Zurückhaltung übt er Kritik. Etwa an allzu modernen Operninszenierungen, am Niedergang der Kirchenmusik in der katholischen Kirche, auch an seinem einstigen Arbeitgeber insgesamt. Mit Leenen zu diskutieren ist immer eine anregende Sache. Vor Jahren etwa über eine Bielefelder "Tristan"-Aufführung, die er im Gespräch mit dem Berichterstatter wegen ihrer seiner Meinung nach unsensiblen dynamischen Gestaltung durch den Dirigenten kritisierte. Nachdenklich und offen, doch mit klarer Position wurden damals telefonisch Gedanken ausgetauscht.
Leenen muss es schließlich wissen. Er wollte selbst einmal Dirigent werden, dachte darüber nach, die Kapellmeisterlaufbahn einzuschlagen. Doch die unsichere berufliche Zukunft dieser Sparte ließ ihn damals anders kalkulieren.
Jetzt ist Leenen eifriger Konzert- und Opernbesucher. Gerade hat er in Dresden Richard Wagners "Parsifal" gehört und noch einen dicken Bildband über die Amtszeit des scheidenden Intendanten Gerd Uecker mitgebracht. Auch im Richard Wagner Verband ist er Mitglied. Ist es nicht seltsam, dass ein katholischer Kirchenmusiker Interesse für die Oper mitbringt? Für Leenen, der in Glacisnähe wohnt, keine Überraschung: "Traurig ist, wie viele Kirchenmusiker so eine Schmalspurausbildung haben und zum Beispiel nie eine Wagner-Oper gesehen haben." Er selbst gibt zu, dass ihm die Kammermusik "ganz fehlt".
Dafür hat er mit der "Schola gregoriana" ein Ensemble gerettet, das eine sehr am Rande stehende musikalische Gattung pflegt. Gerade ist der gregorianische Choral, den die ehemalige Domschola gestaltet, wieder einmal in aller Munde. In den Charts steigen Mönche mit alten einstimmigen Weisen auf die vordersten Plätze. "Überall ist der gregorianische Choral populär", meint Leenen, "nur nicht in der katholischen Kirche." Woran liegt das? In der Fehlinterpretation der Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils, die zu einer fast vollständigen Verbannung der lateinischsprachigen Musik aus dem Gottesdienst geführt habe, sagt er uns. In Minden hat Leenen dreizehn Sänger, die "sporadisch auf Einladungen singen". Zu diesen Anlässen wird dann geprobt.
Als am Dom die Arbeit dieses Ensembles (Leenen: "Es ist immer noch gut") nicht mehr erwünscht war, setzte er die Arbeit trotzdem fort: "Die Schola hat mich darum gebeten." Jetzt hofft der ehemalige Domorganist, dass sich ein geeigneter Leiter finden lässt, um das Projekt fortzusetzen. Auch dass vielleicht die Domgemeinde wieder nach dieser Art Kirchenmusik verlangt.
Und dann erläutert er, worum es beim Choralsingen geht. "Es ist die Kunst des musikalischen Leiters, ein Konzept zu entwickeln, damit aus der alten Notenschrift ein stilistisch glaubwürdiges Ganzes entsteht", so Leenen. Gesungen wird auch in Minden aus dem "Graduale triplex", dem sicherlich zurzeit wichtigsten Arbeitsmittel zur möglichst guten und stilgerechten Interpretation des gregorianischen Chorals. Leenen ist da ganz Verfechter der Sache, und zudem sachkundiger Experte. Schnell ist klar, dass man ihm auf diesem Gebiet nichts vormachen kann.
Traurig stimmt ihn die Situation der katholischen Kirchenmusik in Minden. Doch auch hier ist altersmilde Gelassenheit angesagt. "Ich habe einen ganz großen Freundes- und Kollegenkreis", gibt er zum Ende hin zu Protokoll. Das ist ihm wichtig neben der Musik. Man nimmt es ihm gerne ab.
stehenden Code hier ein*: