Mittwoch, 08.02.2012
iPad | MT-Blogs | MTMobil | Impressum | Kontakt | Sitemap | Newsletter

24.12.2008
Erfrorene Füße und ein heißes Herz
Wilhelm Weikes arktisches Tagebuch zeigt Franz Boas´ Expedition aus der Sicht des Dieners
VON JÜRGEN LANGENKÄMPER

"Zu Christabend hatte ich einen Becher voll Wasser und Brot, Thee durfte ich nicht trinken, wenn ich zu Weihnachten welchen haben wollte." Eine karge Kost, über die Wilhelm Weike am 24. Dezember 1883 in sein Tagebuch schreibt.

Wer war dieser Wilhelm Weike aus Häverstädt bei Minden, der Heiligabend vor 125 Jahren, einem Montag, halbverfroren unbequem mit fünf Menschen in einer Reihe in einem Iglu auf einer eisigen kanadischen Insel lag? Sein jüngst herausgegebenes "arktisches Tagebuch" gibt darauf eine Antwort.

Der Geograf und Ethnologe Ludger Müller-Wille, Professor in Montreal, und der Kabarettist und Autor Bernd Gieseking haben sich daran gemacht, das Selbstzeugnis eines außergewöhnlichen Durchschnittsmenschen der Nachwelt zugänglich zu machen. Der Gärtner und Hausdiener Wilhelm Weike, am 28. November 1859 in Häverstädt geboren, begleitete den nur ein Jahr älteren Forscher Franz Boas 1883/84 auf dessen Expedition in die Arktis, eine Reise, von der Weike fast nicht zurückgekehrt wäre und bei der auch Boas selbst sich mindestens einmal am Rande des Untergangs wähnte.

Aber es gab auch schöne Seiten. Weike genoss die überwiegend gute Verpflegung, fand trotz der Sprachbarriere Freunde unter den Inuit und hatte sogar eine Geliebte, über die er sich aber dezent ausschwieg.

Seine einfache Sprache gibt das harte Leben unter den extremen Bedingungen der Arktis anschaulich und leicht verständlich wieder. Ohne umständliche Reflektion betrachtet Weike die Expedition als "fideles Reisen" und spiegelt Situationen der Überfahrt und des Aufenthaltes mit Witz wider.

Das Tagebuch, das der Diener auf Anregung seines "Dr. Boas", der selbst ein von Ludger Müller-Wille ediertes Tagebuch führte, schrieb, haben die Herausgeber um Briefe von und über Weike und Passagen aus Boas´ Texten angereichert. Mehr als 70 Seiten Kommentar erläutern Buch, Inuit und ihre europäischen und nordamerikanischen Besucher. Sie geben einen Ausblick über Weikes weiteres Leben, der nach seiner Rückkehr nach Minden zunächst bei der Familie Boas in Stellung blieb, deren Hausangestellte Mathilde Nolting heiratete, aber kurz darauf mit ihr nach Berlin zog, wo er am 11. Juni 1917 kinderlos starb. Zu Franz Boas stand er sein Leben lang weiter in Kontakt.

Bei Inuit und Walfängern auf Baffin-Land (1883 /1884) - Das arktische Tagebuch des Wilhelm Weike, hg. von Ludger Müller-Wille und Bernd Gieseking, Mindener Geschichtsverein (Mindener Beiträge zur Geschichte, Landes- und Volkskunde des ehemaligen Fürstentums Minden 30), 321 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-92989431-8

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2012
Dokument erstellt am 23.12.2008 um 21:25:12 Uhr

Texte und Fotos aus MT-Online sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Diesen Artikel in Netzwerken veröffentlichen:




WAS MEINEN SIE? SCHREIBEN SIE IHRE MEINUNG



Sicherheitscode:

Bitte geben Sie oben
stehenden Code hier ein*:


*Pflichtfelder




´

Anzeige