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13.08.2011
Phantomschmerzen einer geteilten Stadt
Überreste der Mauer in Berlin weitgehend verschwunden / Bewusstsein für Bedeutung wächst / Gedenkstätte bald fertig
VON SIGRID HOFF

Berlin (epd). Am Potsdamer Platz bestaunen Touristen bemalte Mauersegmente. Fliegende Händler bieten DDR-Devotionalien feil, selbst ein Einreisevisum mit Stempel ist noch zu haben. Das Geschäft mit den Relikten des Kalten Krieges blüht.

Die Berliner Mauer war ein gestaffeltes Grenzsystem. Grafik: dpa

Vor etwas mehr als 20 Jahren war dieser Ort noch Ödland mit Absperrungen und Wachtürmen, heute markiert lediglich ein Pflasterstreifen den Verlauf des "antifaschistischen Schutzwalls", wie die Mauer im SED-Jargon hieß. Wenige hundert Meter entfernt steht der längste original erhaltene Mauerabschnitt in der Stadtmitte. Er begrenzt das Gelände der NS-Gedenkstätte Topographie des Terrors, das ehemalige Hauptquartier der Gestapo.


Das bekannteste Mauerstück befindet sich hingegen an der Spree, in der Nähe des Ostbahnhofs. Im Frühjahr 1990 hatten hier Künstler aus aller Welt einen Abschnitt mit Bildern bemalt. Am berühmtesten: der Bruderkuss zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker unter dem Titel "Tödliche Liebe".

Dennoch suchen Berlin-Besucher meist vergeblich nach Überresten der Mauer. Auf 155 Kilometern Länge umgab sie den Westteil der Stadt, war Symbol der Teilung und des Kalten Krieges. Nach dem Mauerfall wirkten Mauerspechte und Grenzsoldaten gemeinsam daran, das Bauwerk Stück für Stück zu entsorgen.

Der Direktor der Stiftung Berliner Mauer und ihrer Gedenkstätte an der Bernauer Straße, Axel Klausmeier, kennt jeden Zentimeter des einstigen Areals. Vor zehn Jahren sicherte er im Auftrag des Senats Spuren. Dennoch sagt er: "99 Prozent der ehemaligen Sperranlagen sind heute verschwunden."

Eine Ausnahme ist die Bernauer Straße. Dort, wo die Mauer ein Stadtquartier durchschnitt, hatten sich nach 1961 dramatische Szenen abgespielt. Die Bilder von Menschen, die sich aus den Fenstern ihrer Wohnungen abseilten oder in die Freiheit sprangen, gingen um die Welt. Eine Kirchengemeinde im Westteil der Stadt trat schon früh dafür ein, diese Mauerreste zu erhalten.

1999 begann Maria Nooke mit Zeitzeugengesprächen. Ihr war klar: "Die Mauer ist weg, die Erinnerung können wir nur wach halten, indem wir deutlich machen, was hier passiert ist." Das Bewusstsein für die Bedeutung der physischen Zeugnisse der Mauer ist erst allmählich gewachsen, gibt Nooke, seit 2008 stellvertretende Direktorin der Gedenkstätte, zu. "Unser Objekt ist das letzte originale Stück, woran man zeigen kann, dass die Mauer ein gestaffeltes Grenzsystem war."

Seit rund zehn Jahren ist das Gemeindehaus der Versöhnungskirche, von wo die Initiative für eine Gedenkstätte ausging, Ort für Ausstellungen und Veranstaltungen. Das Interesse der Besucher wuchs stetig. Der Aufbau des gesamten Gedenkstättenareals soll 2012 abgeschlossen sein.

"In der Bernauer Straße ist die Ereignis- und Spurendichte besonders hoch", sagt Gedenkstättendirektor Axel Klausmeier. Hier stehen 270 Meter Grenzmauer, gerahmt von zwei hohen Stahlwänden, einem 1998 eingeweihten Denkmal, das die Ausdehnung des Grenzstreifens markiert. Hinterlandmauer und Kolonnenweg sind erhalten, nur der Wachturm wurde nachträglich wieder aufgestellt.

Der Schrecken, der von der Mauer einst ausging, ist für viele heute nicht mehr vorstellbar. Für Maria Nooke ist die Bildungsarbeit deshalb die zentrale Aufgabe. Nicht die Mauer selbst war die Bedrohung, sondern das System und seine Gefolgsleute: "Das Entscheidende war der Schießbefehl."

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2012
Dokument erstellt am 13.08.2011 um 01:18:37 Uhr

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